Predigt zum 1./2. Christtag 2013 über Gal. 4, 4-7

Weihnachten ist das Fest der Kinder. Für die Kinder stellen wir einen Tannenbaum ins Zimmer. Das merkt man daran: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, fragen sich manche älter gewordenen Eltern: Sollen wir jetzt noch einen Baum aufstellen? Für die Kinder legen wir die Geschenke unter den Baum, auf die sie sich schon lange vorher freuen.

Für die Kinder wollen wir den Heiligen Abend so schön wie möglich machen. Und gerade wenn die Eltern von Kindern sich getrennt haben, sollen es die Kinder zu Weihnachten trotzdem schön haben. Es sind dann auch mindestens zwei Weihnachtsbäume, unter denen Geschenke für sie liegen.
Der Apostel Paulus – einer der ersten christlichen Theologen – wäre wohl überrascht, wenn er heute käme und unser Weihnachtsfest
miterleben würde. Er kannte noch keinen Christbaum. Und er hatte noch keinen Sinn für das, was wir Weihnachtsstimmung nennen. Wir haben auf den Abschnitt aus seinem Galaterbrief gehört, in dem er die Geburt Jesu erwähnt. Das klingt bei Paulus völlig nüchtern, eben ganz so unweihnachtlich. Aber der Völkerapostel würde vielleicht zu uns heutigen Weihnachtschristen sagen: Weihnachten – das Fest der Kinder? Da habt Ihr etwas Zentrales erfasst:

Denn als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, damit er uns erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.
Es geht darum: Wir sind Kinder – nämlich Kinder Gottes. Der Apostel macht dies mit Sätzen deutlich, die aus dem antiken Adoptionsrecht stammen:
So bist du nun nicht mehr Knecht - ohne irgendwelche Rechte im Hause, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott. Das adoptierte Kind hatte das volle Recht auf das Erbe. Unser Erbe als Kinder Gottes ist die Hoffnung auf Gottes zukünftige Welt. Und sie nimmt heute schon ihren Anfang.

Also Vorsicht: Bei Kind denken wir so schnell an kleine Kinder. Kinder, die noch unselbstständig und unmündig sind. Dann ist das für uns vielleicht gar nicht so angenehm, zu hören, dass wir im Glauben Kinder sind. Aber wir bleiben ja ein Leben lang Kinder unserer Eltern. Doch ist es wichtig, darauf zu achten, was ein Kollege des Apostels Paulus im Hebräerbrief schreibt: Ihr habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre, und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren, denn er ist ein kleines Kind.Weihnachten ist das Fest der Kinder Gottes. Gott will aber nicht, dass wir unerfahrene Kinder bleiben. Er mutet uns feste, geistliche Speise, damit wir wachsen. Gott will, dass wir als seine Kinder erwachsen werden – erwachsen glauben.Wann ist ein Kind erwachsen? Das ist jetzt eine echte Frage von mir, liebe Gemeinde.

Wann ist ein Kind erwachsen? - - - Am liebsten würde ich dazu jetzt von Ihnen allen hören, welche Antwort Sie da in ihrem Leben bisher gefunden haben. Die einen sagen vielleicht: Erwachsen ist ein Kind, wenn es auf eigenen Beinen stehen kann, wenn es sein Leben selbst meistern kann. Erwachsen ist ein Mensch, wenn er oder sie lebenstüchtig geworden ist. Andere antworten etwa so: Erwachsen ist ein Kind, wenn nicht mehr die Eltern schuld sind an dem, was schief läuft, sondern das Kind selbst für sein Leben die Verantwortung übernimmt. Dann passt das T-Shirt nicht mehr, das manche Jungs als anhaben, auf dem zu lesen ist: „Egal was war – ich bin nicht schuld“.
Erwachsen ist ein Kind, wenn es bemerkt, dass nicht alles schlecht war, wogegen es sich im Elternhaus früher aufgelehnt hat. Erwachsen werden wir, wenn wir Verantwortung übertragen bekommen und uns ein mündiges Leben zugetraut wird. Dietrich Bonhoeffer hat dies genauso ausgedrückt:

Christen sind Mündige in einer mündigen Welt. Als mündige Kinder und Erben übernehmen wir Verantwortung in dieser Welt. Das traut Gott uns zu. Und Gott stärkt uns dazu den Rücken: Mit der Kraft seines Heiligen Geistes und mit der Liebe zu uns, die er uns durch das Geschenk seines Sohnes Jesus Christus gezeigt hat. Ein Platz, solche Verantwortung aktiv in der Gemeinde zu übernehmen, ist das Amt der Kirchenältesten. Heute führen wir fünf Frauen und Männer in dieses Amt ein, bzw. bestätigen das bisher ausgeübte Amt. Und wir danken Euch sechsen, die Ihr in den vergangenen sechs Jahren dieses Amt bekleidet habt. Diese Jahre waren angefüllt mit verschiedenen Aufgaben. Die größte darunter war sicher die Renovierung unserer Kirche. Aber auch die scheinbar kleinen Dienste waren zu erledigen –
das was man nicht so offensichtlich wahrnimmt: Über neue Mülleimer um die Kirche entscheiden. Berufspraktikantinnen für den Kindergarten einstellen. Den Gottesdienstplan mit dem Pfarrer bedenken. Besuche bei Älteren und Neuzugezogenen machen.

Mein Wunsch und meine Hoffnung ist, dass Euch die vergangene Zeit und den neuen Ältesten die künftige Zeit nicht nur Last, sondern auch Bereicherung bedeutet. Denn mit den Aufgaben wachsen wir. Bei Kirchenältesten sind es Aufgaben, die Euch die Kirchengemeinde zutraut. Das hat sie durch die Wahl gezeigt. Und es sind Aufgaben, die Euch Gott als seine geliebten Kinder zutraut. Christen sind Mündige in einer mündigen Welt. Wie heißt es doch nachher in der Agende zur Einführung von Kirchenältesten: Ihr sollt bedenken, dass wir alle aufgrund der Taufe, die äußeres Zeichen unserer Gotteskindschaft ist, zum Zeugnis und Dienst in der Welt berufen sind. So bekommt das Fest der Kinder – Weihnachten – noch einmal einen anderen, ganz tiefen Sinn. Denn als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, damit er uns erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Amen.